Die Gesinnung Jesu

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7. Sonntag nach Trinitatis, 22.07.2012, Philipper 2, 1-4

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. Wir wollen in der Stille darum beten, dass der Herr diese Predigt segnet. … Herr, wir bitten dich, gib deinen H. Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

Unser Schriftwort für die Predigt heute ist ein kleiner Abschnitt aus dem Brief des Apostel Paulus an die Gemeinde in Philippi. Die ersten vier Verse des 2. Kapitels. Paulus fragt nach dem alltäglichen Umgang der Christen miteinander:

Helft und ermutigt ihr euch als Christen gegenseitig? Seid ihr zu liebevollem Trost bereit? Spürt man bei euch etwas von der Gemeinschaft, die der Heilige Geist schafft? Verbindet euch herzliche und mitfühlende Liebe?
Darüber würde ich mich sehr freuen. Vollkommen aber ist meine Freude, wenn ihr die gleiche Gesinnung habt, in der einen Liebe miteinander verbunden bleibt und fest zusammenhaltet.
Weder Neid noch blinder Ehrgeiz sollen euer Handeln bestimmen. Im Gegenteil, denkt von euch selbst gering und >achtet den anderen mehr als euch selbst.
Denkt nicht immer zuerst an euch, sondern kümmert und sorgt euch auch um die anderen.

Zwischen Gardasee und Etschtal, zwischen hektischen Verkehrsadern und lautem Freizeitvergnügen bei Costermano liegt ein stiller Ort. Der Cimitero militare tedesco, der größte deutsche Soldatenfriedhof in Italien mit 30.000 Gefallenen. Vor einigen Jahren haben wir ihn besucht. Eine weitläufige, mit violettem Heidkraut angepflanzte Fläche unter hohen Bäumen, mit vielen tausend kleinen beschrifteten Steinen am Boden, auf denen die Namen und Lebensdaten der gefallenen meist sehr jungen Soldaten stehen. Still und friedlich war es über den Gräbern. Bienen und Schmetterlinge taumelten im Sonnenschein von Blüte zu Blüte, aus den Bäumen fröhliche Vogelstimmen.

Nur ein paar vereinzelte Besucher dazwischen. Eine alte Dame mit Rollator, begleitet von einem Ehepaar. Vielleicht die Schwester oder die Witwe eines hier begrabenen Soldaten. Liebevolles, auch schmerzliches Gedenken an ein Leben, das viel zu früh ein gewaltsames Ende fand. – Aber es wirkt so hilflos, so verloren in einer Schreckens- und Todeswelt. So nah beieinander, die Todeszeichen und die Lebenszeichen, Spuren der Liebe und des Lebens über einem Mahnmal des Hasses und der Vernichtung.

Wie die Bienen, Schmetterlinge und Vogelstimmen auf diesem Friedhof erscheinen mir die Worte des Apostel Paulus an diesem Sonntagmorgen in unserem Predigttext. Um uns herum so viele Todeszeichen und Schreckensszenarien. Blutiger Bürgerkrieg in Syrien, getötete Kinder, Mütter, Väter. Amoklauf in Colorado, Terrortote in Bulgarien. Israelische Urlauber mit ihrem Bus in die Luft gesprengt. Dürrekatastrophe im mittleren Westen der USA, hungernde und durstende Rinderherden, verdorrte Maisfelder, verzweifelte Farmer.

Europa am Rande des wirtschaftlichen Zusammenbruchs. Haushaltslöcher in denen eine Milliarde nach der anderen verschwindet. Arbeitslosigkeit, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit in Südeuropa und die Angst, mit in den Abgrund gerissen zu werden, in den nördlicheren Gebieten. Ursache wohl grenzenlose Gier und gewissenloser Geiz derer, die keine Steuern zahlen und die nur an sich denken. Die Problemlösungsversuche wirken hilflos und bevor sie umgesetzt sind, werden sie schon wieder von neuen Dimensionen an Defiziten überholt. Journalisten schlachten die Themen medienwirksam aus und traktieren übernächtigte Politiker, die von Krisensitzung zu Krisensitzung eilen, mit ihren aggressiven Fragen.

Zwischen all den schlechten Nachrichten und erschreckenden Meldungen versuchen wir zu leben und mit den Widrigkeiten unseres eigenen Alltags fertig zu werden. Wir sehnen uns nach Sicherheit und Geborgenheit, nach Heil und Halt, nach Entspannung und Heiterkeit, nach Schönem und Wahrem. Ein freundliches Wort, ein liebevoller Blick, ein musikalischer Genuss, das sind die Schmetterlinge und Bienen, die Singvögel und Lebenszeichen über einem Meer von Todesschrecken.

Mit wenigen Worten trifft der Apostel Paulus hier die Ursachen des Unheils und zeigt Wege heraus: Weder Neid noch blinder Ehrgeiz sollen euer Handeln bestimmen. Denkt nicht immer zuerst an euch, sondern kümmert und sorgt euch auch um die anderen.

Wenn nicht wir als Christen uns anders verhalten, wenn es in der Gemeinde nicht anders zugeht als in der Welt, wenn in unseren Versammlungen nicht ein anderer Geist herrscht als draußen, haben wir nicht die Gesinnung unseres Herrn und sind keine Christen. Der Apostel fragt: Spürt man bei euch etwas von der Gemeinschaft, die der Heilige Geist schafft?

Paulus erinnert an die Zeichen, die Christus gegen die Schrecken und Ängste der Welt gesetzt hat. Er spricht vom Helfen, Ermutigen, von liebevollem Trost, von herzlicher und mitfühlender Liebe – Auch wenn seine Worte wie Fremdkörper in unserer Zeit wirken, hat er recht. Danach sehnen wir uns doch wohl alle: Nach liebevollem, mitfühlendem, herzlichem Umgang miteinander. Lichtblicke in unserer Gesellschaft sind Menschen, von denen man den Eindruck hat, dass sie nicht nur an sich selber denken.

Der russische Schriftsteller Leo Tolstoj hat einmal gesagt: „Wer sich vergisst, an den denkt Gott und wer an sich denkt, den vergisst Gott.“ Und von dem Liederdichter und Laientheologen Johannes Daniel Falk, der sich im 19. Jahrhundert als einer der ersten in der Jugendsozialarbeit engagierte, stammt der Ausspruch: „Als ich anfing für andere zu leben, habe ich erst angefangen zu leben.“

Warum konnte der Arzt, Philosoph und Theologe, Albert Schweitzer, auf eine erfolgreiche wissenschaftliche Karriere in Europa verzichten und ein unprofitables Urwaldkrankenhaus in Lambaréné (Gabun, Zentralafrika) leiten, in dem tausenden Afrikanern geholfen wurde? Was hat Dr. Martin-Luther King den Mut gegeben sich unter Lebensgefahr für die Rechte der Schwarzen einzusetzen. Woher hatte die unscheinbare kleine Frau, die man Mutter Theresa nannte, die Kraft, sich unermüdlich um die Armen in Kalkutta zu kümmern?

Weil diese genannten und viele andere Segensboten zunächst die Gesinnung Jesu angenommen haben. Was ist denn das: Gesinnung Jesu? Das ist ein Leben nach dem Doppelgebot der Liebe: Zuerst mit aller Kraft Gott lieben, ihn suchen, auf ihn hören, ihm danken, ihn loben, alle Kraft und alle Weisheit von ihm erwarten. Und dann den Nächsten lieben, wie sich selbst. Das heißt mit der Not oder dem Leid anderer so umgehen, als wäre man selbst betroffen.

Jesus ist nicht vorbeigegangen, wenn er einen in Not gesehen hat. Er hat sich nicht die Ohren zugehalten, wenn einer um Hilfe gerufen hat. Er ist stehen geblieben, umgekehrt, hat sich Zeit genommen, zugehört, liebevoll getröstet, in Schutz genommen, aufgerichtet. Er hat Verlierer nicht verlacht und Verlorene nicht verlassen. Und er ist heute immer noch derselbe.

Jesus hat nicht in das schnelle Urteil anderer eingestimmt, sondern widersprochen. Er hat Menschen neuen Mut gemacht und ihnen ihre Schuld vergeben. Wie haben wir vor der Predigt mit den Worten von Johann Andreas Cramer gesungen?

Wenn wir in Frieden beieinander wohnten,
Gebeugte stärkten und die Schwachen schonten,
dann würden wir den letzten heilgen Willen,
des Herrn erfüllen.


In der Lutherübersetzung heißt es. In Demut achte einer den anderen höher als sich selbst. Diese urchristliche Gesinnung, „Demut“, ist den meisten Christen unserer Zeit abhanden gekommen. Viele wissen gar nicht mehr, was das ist. Ich hab gelesen, dass Demut von dem alten Wort „Dienemut“ kommt. Der Mut zu dienen. Der Mut und die Entschlossenheit, etwas zu tun, was man gar nicht tun müsste. Was vielleicht die Aufgabe eines anderen wäre.

Bei uns wird, wenn etwas fehlt, immer schnell nach dem Staat gerufen oder nach den Mitarbeitern der Stadt. Manchmal könnte man vielleicht selber einen Besen in die Hand nehmen und den Dreck wegkehren oder einen alten Menschen an die Hand oder ein bisschen Geld in die Hand nehmen um zu helfen, auch wenn man nicht dazu verpflichtet wäre.

Wir haben kürzlich im Pfarramt festgestellt, dass die angeordneten kirchlichen Sammlungen für verschiedene Zwecke nicht mehr durchgeführt werden können, weil es kaum noch Sammlerinnen und Sammler gibt, die so einen Dienst übernehmen. Das ist eine Tätigkeit, die Demut erfordert. An einer Tür zu klingeln und eine Spende für ein Hilfswerk zu erbitten. Da kann man sich an manchen Türen etwas anhören, andere fliegen gleich wieder zu. Vielleicht ist diese Form der Mittelgewinnung nicht mehr zeitgemäß, in einer Zeit, in der man bargeldlos zahlt. Vielleicht ist auch Demut nicht mehr zeitgemäß.

Demütig sein, hat aber nicht nur mit Geld zu tun. Oft auch mit Worten. Manchmal müsste man vielleicht einfach nur still sein, schweigen und nicht zurückgiften. Einem aggressiven Ton mit freundlichem Klang antworten. Einen Vorwurf anhören und ernst nehmen. Vielleicht hat der andere ja recht, wenn er sagt: Du denkst doch auch immer nur an Dich!

Erst vor zwei Wochen haben wir uns in der Bibelstunde über das Wort aus dem Propheten Micha unterhalten (Micha 6, 8):

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: Nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Dem demütig sein unter Menschen geht immer das demütig sein vor Gott voraus. Annehmen, was Gott zu mir sagt, auch wenn es mir nicht immer gleich gefällt. Annehmen, was er in mein Leben hineinordnet, an Aufgaben, auch an Leid oder Last. Dass ich diese Krankheit habe. Dass ich nicht so erfolgreich oder so schlagfertig oder so geistreich bin wie andere. Dass mein Weg anders ist, als ich es mir gewünscht habe.

Demütig sein vor Gott heißt auch sich über die eigene Schuld vor Gott beugen. Nicht aufbegehren, nicht sich rechtfertigen, nicht mit dem Finger auf die anderen zeigen, sondern bekennen, dass man schuldig geworden ist vielfach und auf vielerlei Weise und Gott demütig um Vergebung bitten.

Manchmal scheint es, dass viele auch das nicht mehr können. Sie meinen, Gott muss vergeben, alles und auch denen, die ihre Sünde gar nicht bereuen. Das ist aber ein Irrtum. Gott muss nicht. Hochmütigen und stolzen, frechen und spottenden Menschen verweigert er sich und seine Vergebung. Er will Umkehr zu Liebe und Ehrlichkeit. Er will, dass wir dankbar werden und zufrieden, nicht murren und fordern.

Ein kleiner Junge hatte den großen Wunsch, bei einer Schulaufführung mitspielen zu dürfen. An dem Tag, an dem die Rollen verteilt wurden, ging die Mutter etwas ängstlich zur Schule, um ihren Sohn abzuholen. Sie fürchtete, er würde keine Rolle bekommen haben und sehr enttäuscht sein. Als sie nahe an der Schule war, kam ihr der Bub schon entgegen gerannt. Seine Augen glänzten vor Aufregung und vor Stolz. Strahlend rief er: „Mama, ich bin ausgewählt worden zum Klatschen und Beifallrufen.“

Weil er bescheiden war und sich mit einer kleinen Aufgabe zufrieden gab, konnte er sich freuen. – Wenn wir bescheiden werden und dankbar, dann können wir uns auch freuen an den Gaben und Lebensumständen, die wir haben und können vielleicht sogar noch andere daran teilhaben lassen an unserer Freude und an unseren Gaben. Wer es versucht, der entdeckt, dass das die Freude sich nicht halbiert, sondern verdoppelt.

Weder Neid noch blinder Ehrgeiz sollen euer Handeln bestimmen. Im Gegenteil, denkt von euch selbst gering und achtet den anderen mehr als euch selbst.

Eine Gemeinde in der es so zugeht und in der man in dieser Haltung aufeinander zu geht, die ist einladend, in der kann man sich wohl fühlen. Aber die Gemeinde oder Gemeinschaft in der ich bin wird nicht so, wenn ich solches Verhalten von den anderen fordere, sondern nur, wenn ich mich selber so verhalte.

Ich muss mir zuerst für mich selbst die Gesinnung Jesu, Demut und Liebe erbitten und damit den Geist unseres Herrn hereinbringen, dann komm auch von anderen etwas auf mich zurück. Wenn man sich aber nur abwendet, weil die anderen nicht so sind, wie man sie gerne hätte, dann verändert sich nichts, sondern Gemeinschaft wird nur zerstört.

Mitten in einer Todeswelt voll Angst und Hass kommt dadurch etwas von Gottes neuer Welt, von seiner Liebe und Geborgenheit zu uns und wird um uns herum sichtbar und spürbar. Mit Justus Gesenius Worten dürfen wir beten:

Lass mich an andern üben, was du an mir getan
Und meinen Nächsten lieben, gern dienen jedermann
Ohn Eigensinn und Heuchelschein
und, wie du mir erwiesen,
aus reiner Lieb allein

(EG 82,7)

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel.0921/41168